Bildungspolitik

Pünktlich zum Start des neuen Schuljahres sorgt das Thema Lehrkräfte - Lehrermangel in Thüringen für erneute Diskussionen.

"Ein hausgemachtes Problem", so Thomas L. Kemmerich, Kreischef der FDP Erfurt und Landesvorsitzender des Liberalen Mittelstand Thüringen e.V.. "Ich erinnere mich an den letzten Schultag meiner Kinder. An jenem Tag wurden zwei junge Damen aus dem Kollegium und eine Hortnerin verabschiedet, die erst kurze Zeit an der Grundschule unterrichteten. Aber auf die Frage warum das denn sein müsste, konnte mir keiner eine Antwort geben. Vielleicht war ja der Förderzeitraum abgelaufen oder/ und weil der Platz für neue förderfähige Stellen geschaffen werden musste?"


"In Thüringen droht mittelfristig ein Lehrermangel, wenn sich an den Rahmenbedingungen für die Pädagogen nichts ändert", so der Thüringer Lehrerverband. Verbandschef Rolf Busch sagte der TLZ: "Es fällt immer schwerer Personal mit den entsprechenden Qualifikationen zu gewinnen." Seit Jahren gibt es bereits Probleme in den Förderschulen und Berufsbildenden Schulen. Neu ist, dass sich jetzt auch die Situation im Grundschulbereich verschärft - speziell sind auch die Horte betroffen. Busch: "Trotz großer Bemühungen waren in verschiedenen Schulämtern die Bewerberlisten leer und die offenen Stellen sind bis heute nicht überall besetzt."
Das es immer schwieriger wird, qualifizierte Bewerber nach Thüringen zu holen, bestätigen auch Angaben aus dem Kultusministerium wo man bei der Neueinstellung von 256 Lehramtsanwärtern vor großen Hindernissen stand. In einer ersten Vergaberunde fehlten für 90 Stellen geeignete Bewerber.
Stellt sich jetzt doch die Frage nach dem Warum. Oder doch eher - selbst Schuld!?
Lehrkräfte werden mit Zeitverträgen als Vertretungskräfte angestellt, so beispielsweise in Hessen. Ihre missliche Lage hat Methode. Der Arbeitgeber, das Land, spart eineinhalb Monatsgehälter und finanziert so einen Teil seiner Bildungsausgaben über die Sozialkassen.
Für qualifizierte und hoch motivierte Lehrkräfte sowie die erfolgreiche Werbung um junge Menschen zur Aufnahme eines Lehramtsstudiums brauchen wir aber attraktive Einstellungsangebote. Sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und Einkommen sowie ein positives Image könnten den Lehrermangel vorbeugen und so die Verschleuderung der Potenziale junger Menschen vermeiden.
Pädagogen, Eltern und Schüler spüren die Folgen immer stärker: weniger Unterricht, mehr Stundenausfall und größere Klassen. Die Landesregierungen sparen auf dem Rücken der Lehrkräfte. Sie verordnen längere Arbeitszeiten und setzen auf Arbeitsverdichtung.
Lehrerinnen und Lehrer brauchen mehr Zeit für Schüler - Zeit für erweiterte Ganztagsangebote, für mehr individuelle Förderung und für die Stärkung der Kinder und Jugendlichen. Denn Bildung eröffnet Lebens- und Berufschancen. Mit ihrer Rotstiftpolitik verspielen die Landesregierungen die Zukunft Deutschlands. Die sinkenden Schülerzahlen nicht zu weiteren Einschnitten zu nutzen, wäre ein erster Schritt die Bildungsfinanzierung umzusteuern. Die Mittel dürfen nicht in bodenlosen Haushaltslöchern verschwinden.
Das Modell Lehrer-Saisonarbeit praktiziert nicht nur Hessen, aus anderen Ländern wie Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein berichten SPIEGEL-ONLINE-Leser über ganz ähnliche Fälle. Psychisch total anstrengend; die Motivation sinkt.
Kollegen sind einfach "über Nacht" weg. Doch mit den eventuell vorhandenen Vertretungskräften kann man nicht planen. Wie sollen sie in einer dritten Klasse eingesetzt werden, wenn sie in der vierten nicht mehr da sind, um die Eltern bei der Wahl der weiterführenden Schule zu beraten? Das System treibt seltsame Blüten: In mancher Klasse wechselt viermal im Jahr die Lehrkraft, und weil Verträge oft erst kurzfristig geschlossen werden, wissen die Eltern nicht, wer nach den Sommerferien ihr Kind unterrichten wird.
Dieses Modell sollte sich nicht auf ganz Deutschland und erst recht nicht auf Thüringen "ausdehnen"! Die Unterrichtsversorgung wird sich sonst weiter verschlechtern. Diejenigen, die unter einer solchen Methode leiden sind unsere Kinder, denen laut Grundgesetz eine ordentliche und angemessene Ausbildung zusteht.
Ist das die versprochene Bildungsoffensive?
Bleibt nur zu hoffen, das die traurigen jungen Damen nicht unser schönes Thüringen verlassen.

03. September 2007 Kolbe