Liberaler Mittelstand Thüringen - Portrait von Thomas L. Kemmerich in der FAZ vom 18.02.2008

Am Tag, als die Mauer fiel, fuhr Thomas Kemmerich gegen den Strom. Damals 24 Jahre alt, hatte der gebürtige Aachener gerade sein Jurastudium in Bonn abgeschlossen und war auf der Suche nach einem Platz im Leben. Dass er am 10. November 1989 über den Grenzübergang Herleshausen bei Eisenach in eine Gegend fuhr, die zu seinem Lebensmittelpunkt werden sollte, mag ihm zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen sein. Während die unseriösen Glücksritter nach den Wirren der Wende rasch wieder verschwanden, schlug der junge Mann aus dem äußersten Westen der Republik Wurzeln. Er zog nach Weimar und baute aus den Trümmern einer konkursreifen Produktionsgenossenschaft des Handwerks über die Jahre einen Friseurfilialisten auf, der deutschlandweit zu den zehn Größten der Branche gehört. Als 1994 in Erfurt die Geburtsstunde der Friseur Masson AG schlug, bestand das Unternehmen aus 23 Filialen mit 280 Mitarbeitern. Heute sind es 58 Filialen mit 420 Mitarbeitern. Aus einer Million Mark Umsatz wurden sieben Millionen Euro.

"Man konnte als junger Mensch schneller Verantwortung übernehmen als im Westen", beschreibt Kemmerich seinen damaligen Antrieb. Insofern war es nicht vorherbestimmt, dass er ausgerechnet im Friseurhandwerk seinen seine unternehmerische Heimat fand - es hatte sich irgendwann zwischen dem Zusammenbruch der DDR und der deutschen Einheit einfach so ergeben. Wobei die Anfänge wirklich abenteuerlich gewesen sein müssen. Die erste Wohnung mit fließend warmem Wasser habe er 1993 bezogen, erzählt er. Die Erinnerung kreist um Betten auf Bierkästen, aber eben auch um die damals herrschende Aufbruchstimmung. "Alles war im Fluss - man wusste aber, wo es in etwa hingeht." Denn ganz neu war das Unternehmerdasein nun doch nicht für ihn. Im Elternhaus hatte er Anschauungsunterricht nehmen können. Sein Vater besaß eine Immobiliengesellschaft in Aachen.

"Am Anfang hatten wir gute Mitarbeiter, gute Kundenkontakte und Geschäfte in guter Lage, aber eine 40 Jahre alte Ausstattung und kein Geld", blickt der Vorstandsvorsitzende von Masson zurück. Sanierung und Expansion mussten deshalb gleichzeitig gemeistert werden. Das Geschäftsmodell seiner Friseurkette, welches sich als tragfähig erwiesen hat, schaute er sich dabei im Ausland ab. Eine Reise in den Anfangsjahren führte in nach Paris. Nach Gesprächen mit den dortigen führenden Filialisten Jean-Luis David und Jacques Dessange war Kemmerich klar, wo der Markt liegt, den es für Masson zu beackern gilt: nicht im Discount-Segment, nicht im Premium-Segment, sondern im gut geführten Mittelpreissegment. Dazu gehört beispielsweise eine eigene Frisurenkollektion, um sich von Wettbewerbern zu abzuheben, oder eine regelmäßige Aus- und Weiterbildung, um die Qualität stabil zu halten - die Preisführerschaft gehört nicht dazu.

Die Salons sind direkt der Hauptverwaltung in Erfurt unterstellt. "Franchise funktioniert in Deutschland nicht so richtig im Friseurhandwerk", sagt Kemmerich. In die Größenordnung der Marktführer Klier mit rund 1000 Filialen oder Essanelle mit rund 550 Salons will er bewusst nicht mehr wachsen. Denn einmal erlag er kurzzeitig der Versuchung, ein größeres Rad zu drehen. Rund um die Jahrtausendwende war das, als an der Börse jedes Maß verloren ging und für junge Unternehmer alles möglich schien. Auch der Friseur-Filialist konnte sich dem Hochgefühl der nicht entziehen - und hätte beinahe alles verloren, was zuvor mühsam aufgebaut wurde.

Das Unternehmen nahm die Börse ins Visier. Eine erste Finanzierungsrunde über 7,5 Millionen Euro war bereits plant. Von mehreren hundert Salons unter dem Label "Masson" wurde bereits geträumt. Doch vor der Erstnotiz kam die Rezession in den Jahren 2001 und 2002. "Wenn die Nettolöhne schrumpfen, wird der Friseurbesuch zu einem Luxusgut", beschreibt Kemmerich den Mechanismus. "Da hatten wir ganz schön zu rudern." Das Unternehmen machte Verluste. Der Börsengang musste schließlich abgesagt werden. "Manchmal bin ich ganz froh, dass die Sache nicht geklappt hat" sagt er heute. Die jetzige Größe sei einfach überschaubarer. Die Stärken des Geschäftsmodells kämen so besser zum Tragen.

Dem Preisdruck in seiner Branche stellt er sich durch eine strenge Kostenkontrolle. Die Umsätze aller Läden landen täglich auf seinem Tisch, um notfalls schnell reagieren zu können. Personalkosten - die übrigens mehr als die Hälfte der Aufwendungen ausmachen -, Mietzahlungen, Schulungskosten will er so zeitnah wie möglich überschauen. "Die Kunst besteht darin, Überraschungen zu vermeiden", betont der Masson-Chef. Der Schock nach der Jahrtausendwende sitzt offenbar immer noch tief. Allerdings ist eine Umsatzrendite von 3 Prozent auch kein bequemes Polster.

Dem sensiblen Thema der Bezahlung von Friseurinnen stellt er das Wettbewerbsumfeld gegenüber. Nach voraussichtlichen Schätzungen werden 40 Prozent der "Haardienstleistungen" hierzulande nicht offiziell ausgeführt. Das bringt Druck auf die Preise und macht Lohngestaltung schwierig. "In einem handwerklich geprägten Umfeld ist Größe eigentlich ein Wettbewerbsnachteil", sagt Kemmerich. In Thüringen gibt es immerhin einen erfolgsabhängigen Tarifvertrag, an dessen Entstehung der Masson-Chef tatkräftig mitgewirkt hat. Danach bekommen die Friseurinnen und Friseure ein niedriges Fixum von 3,89 Euro je Stunde. Ab einem Bruttoumsatz von 2000 Euro im Monat erhalten sie dann einen Umsatzanteil von 30 Prozent. Für Kemmerich ist das die "gerechteste Lösung, die es geben kann". Kommt es dagegen zur Einführung des derzeit viel diskutierten Mindestlohns, müssten seiner Ansicht nach entweder die Preise verdoppelt oder ein Viertel der Belegschaft entlassen werden.

Solche unmissverständlichen Äußerungen machen deutlich, dass Kemmerich alles andere als konfliktscheu ist. Auch gegenüber Behörden nimmt er zuweilen kein Blatt vor den Mund - weshalb durchaus einmal Betriebsprüfungen aufwendiger ausfallen können. Des in Thüringen weitverbreiteten Mottos "Weiter so" sei er allmählich überdrüssig. Viel liegt für ihn im Argen, gerade was den Umgang mit der Privatwirtschaft im Lande angeht. Deshalb hat er sich nun einer Protestpartei angeschlossen und als Kreisvorsitzender zur Verfügung gestellt. In Kemmerichs Wahlheimat ist das nicht die Linke/PDS - die ist dort längst etabliert. Es ist die FDP.

Liberaler Mittelstand Landesverband Thüringen