Ost oder West? Frage nach Arbeitsentgelt darf nicht am Bundesland festgemacht werden

Ob nun Erfurt oder Kassel - wenn es denn einen Mindestlohn für Beschäftigte im Pflegebereich gibt - darf bei dessen Höhe nicht in Ost- und Westtarif unterschieden werden. Mit Unverständnis reagiert Thomas L. Kemmerich als wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion in Thüringen auf die unterschiedlichen Lohnuntergrenzen in einer Branche. Daher bleibt er bei seinem strikten Nein zu gesetzlichen Flächentarifen und verweist auf die bessere Umsetzung - wie bisher praktiziert - angepasster Lohnpolitik durch Tarifparteien. Die bei diesem Thema gern ins Feld geführten Lohn-Preis-Niveaus werden bei vergleichbar großen Städten nicht derart ins Gewicht fallen, bezweifelt der Liberale. Ebenso wenig wird sich ein Mitarbeiter wegen 160 Euro mehr in der Lohntüte nicht ernsthaft überlegen, das Bundesland zu verlassen.

Jedoch: Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung über Mindestlöhne ein Ungleichgewicht so offen zu provozieren, verstärkt eher die Vorurteile auf beiden Seiten des ehemals getrennten Deutschlands, als das es ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse wäre. Wesentlich mehr Faktoren müssten Berücksichtigung finden, wollte man den Versuch wagen, regional und strukturell abhängige Löhne zu fixieren. Im Endeffekt müssen Lohnuntergrenzen jedoch ein Element sein, das Gerechtigkeit schafft und damit ein Auskommen sichert, egal, wo man sich nun zwischen Nordsee und Alpen niedergelassen hat. "Differenzierte Mindestlöhne in einer Branche geben das ganze Dilemma wieder: Die Verfechter der Lohnuntergrenzen-Theorie glauben selbst nicht an die Lösung aller Probleme über die Manifestierung einer Summe X."