Kemmerich: Für viele Firmen zählt Gesamtbild mehr als die rein fachliche Eignung

Mit anonymen Bewerbungen verschiebt sich die "menschliche Komponente" eines Einstellungsverfahrens um eine Stufe nach hinten. Frei von subjektiven Entscheidungen werden Personalfragen aber auch in Zukunft nicht getroffen, ist Thomas L. Kemmerich überzeugt. Von dem Vorstoß der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Angaben wie Namen, Familienstand, Geschlecht und Nationalität im Bewerbungsschreiben genauso wegzulassen wie ein Foto, hält der wirtschaftspolitische Sprecher der Thüringer FDP entsprechend wenig. Das große Konzerne wie LÒreal oder Procter & Gamble eher eine Erleichterung in dem "typisch amerikanischen" Verfahren sehen, liegt an der Menge der Bewerbungen. Nach Aussage von LÒreal-Chef Schmutz gehen in der Deutschland-Zentrale täglich fünfzig Bewerbungen ein, die man grob scannen muss, bevor man ins nähere Auswahlverfahren einsteigt. Anders wäre das nicht zu bewältigen.

"In einem durchschnittlichen deutschen Betrieb wird dieses Verfahren jedoch auf wenig Gegenliebe stoßen", ist Kemmerich sicher und sieht daher auch keinen Bedarf einer rechtlichen Neuregelung. Ein Mittelständler kann es sich nicht leisten, die fachlich Besten auszuwählen, denn am Ende kommt es auch auf andere Komponenten an. "Ob man es gut findet oder nicht, Äußerlichkeiten - und dazu gehören Auftreten, Erscheinungsbild, kommunikative Stärke - sind immer auch Kriterien, die das Gesamtbild eines Bewerbers abrunden," zitiert Kemmerich einen Erfurter Personalcoach. Dieser gab außerdem zu bedenken, dass sich bei anonymen Bewerbungen der bürokratische und finanzielle Aufwand für Firmen maximiert - zwischen 150 und 400 Euro kostet heute ein Einstellungsverfahren im Schnitt. Auf einer freiwilligen Basis soll es dennoch freigestellt sein, auf persönliche Angaben und Foto eines Bewerbers zu verzichten.