Neujahrsrede Thomas L. Kemmerich

Der Kern einer Strategie besteht darin, zu bestimmen was man nicht macht, um das Wesentliche vom Dringlichen zu unterscheiden. Und zu Beginn des neuen Jahres ist ein guter Zeitpunkt, in Klausur zu gehen und genau zu überlegen, was wichtig ist und was nicht. Wozu kann man sich Gedanken machen, was darf man nicht aus den Augen verlieren? Bei der Fülle von kontrovers diskutierten Themen erscheint es umso wichtiger, einer Linie treu zu bleiben und Ziele konsequent zu bearbeiten.

Ein Beispiel: Das Thema "Arbeitsmarkt" ist von einer hohen Dynamik geprägt. Die Arbeitslosenzahlen haben sich binnen eines Jahres von vorausgesagten fünf auf knapp drei Millionen reduziert, es gibt wieder mehr Jobs, die Situation am Ausbildungsmarkt hat sich entspannt. Diese Entwicklungen können aber auch anders transportiert werden: Schon wieder liegt die Zahl der Arbeitslosen bei über drei Millionen, der Billiglohn-Sektor boomt und viele Lehrstellen bleiben unbesetzt. Manchmal ist es die Lesart, die über gefühlten Erfolg oder prognostizierten Misserfolg entscheidet.

Ich gehe, auch bei meiner Arbeit, von einer positiven Grundhaltung aus. In meinen Augen macht es wenig Sinn, Jobs in Kategorien wie "gut" und "schlecht", "lohnenswert" oder "unproduktiv" zu sortieren. Jeder Mensch der die Motivation entwickelt einer Arbeit nachzugehen, wird entsprechend seiner Tätigkeit entlohnt. Wenn das nicht zur Absicherung des Lebensunterhaltes ausreicht, sorgt die Solidargemeinschaft für einen Ausgleich. Nichtsdestotrotz sollten wir uns aber auch weiterhin auf tief greifende Veränderungen mit entsprechenden Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt einstellen.

Fest steht: Im globalen Wettbewerb werden wir auf industrieller Ebene nicht gewinnen können. Unser großes Potential müssen wir im Personal vor Ort erkennen. Gut ausgebildete Menschen, "Investitionen in Köpfe" - das muss auf der Agenda 2011 ganz oben an stehen. Angesichts dieser Aufgabe verweise ich auf mehr Flexibilität, und meine keinesfalls die einseitig auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer abgeschobene Notwendigkeit, jedem Arbeitsangebot nachzureisen. Mir geht es vielmehr um die Tatsache, Aus- und Weiterbildung als lebenslangen, lohnenswerten Prozess zu verstehen. Karrieren wie vor zwanzig oder dreißig Jahren mit konstanten Stellenbeschreibungen suchen wir heute schon vergebens. Stattdessen wird es gang und gäbe werden, Arbeitsstellen mehrmals zu wechseln, umzuschulen und/oder ganz von vorn anzufangen. Aber auch hier kommt es auf die Art der Interpretation an. Ich werbe für einen offenen, positiv besetzten Begriff von Freiheit, auch auf dem Arbeitsmarkt. Um das durchzusetzen, müssen wir bei der Wertschätzung jedes Mitarbeiters und jedes Jobs beginnen.

Was mir daneben sehr am Herzen liegt ist die Förderung von Unternehmerkultur in Deutschland. Schon heute ist absehbar, dass ein großer Teil der vor allem mittelständischen Betriebe keinen Nachfolger findet. Allein die Thüringer IHK schätzt, dass in zehn Jahren elftausend Firmen durch fehlende Übernahme-Interessenten vom Markt verschwinden werden. Doch gerade kleine Betriebe im Bereich Handwerk und Dienstleistung prägen weite Teile der hiesigen Firmenlandschaft. Ich möchte fast dazu übergehen, neben einem Fachkräftemangel auch von einem Chef-Mangel zu sprechen. Es ist leider unattraktiv geworden, "selbst und ständig" eine Firma zu entwickeln und am Markt zu etablieren. Schuld daran ist auch das bereits in unseren Schulbüchern verbreitete Image des "typischen Chefs". Wie sieht heute jemand aus, der Mitarbeiter beschäftigt, auf Umsatzzahlen schaut und Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag Energie und Enthusiasmus in seine Firma investiert? Scheinbar so, dass viele Alternativen verlockender wirken. Diesem Denken möchte ich etwas entgegen setzen, denn es liegt mir viel daran, Unternehmer-Kultur in unserem Land positiv besetzt zu vermitteln auch wenn funktionierende "Gegenkonzepte" nicht gern gelesen werden.


Ich möchte Sie einladen, in 2011 anstelle von Fragezeichen wieder Ausrufzeichen zu setzen - Schauen Sie genau hin!

Ihr
Thomas L. Kemmerich
www.thomas-kemmerich.com