"Die Griechen haben ihr Recht auf Selbstbestimmung genutzt und ein klares Signal gesendet. Man muss die Entscheidung akzeptieren, dennoch verurteile ich den Erpressungsweg der Tsipras-Regierung, die mit der Angst der Menschen gespielt hat. Trotzdem dürfen wir dem griechischen Volk die Tür zum europäischen Haus nicht vor der Nase zuschlagen", kommentiert Thomas L. Kemmerich das Ergebnis des Referendums in Griechenland. "Aber das Angebot der letzten Woche der EU sollte nicht nachgebessert werden", ergänzt Kemmerich.

Es sei nun an der Syriza-Regierung, die Konsequenzen aus dem Votum zu ziehen. Wenn Griechenland jetzt aus dem Euro austreten wolle, muss die EU den Weg dafür frei machen. Sowohl ein Ausscheiden aus dem Euro wäre für Griechenland mit immensen Kosten verbunden, als auch ein Verbleib im Währungsraum. Ein Grexit hätte zur Folge, dass die Griechen ihre eigene Währung zwar abwerten könnten, aber sie würde zugleich zum Ziel internationaler Spekulanten werden. Dazu Kemmerich: "Es ist absehbar, dass niemand einer neuen Drachme Vertrauen schenken wird und die Menschen für ihre tagtäglichen Geschäfte deshalb auf eine inoffizielle Parallelwährung, in diesem Fall vermutlich den Euro, ausweichen würden." Außerdem bleibt auch bei einem Grexit die Schuldenfrage ungeklärt. - Selbst mit einer eigenen Währung wird Griechenland die Schulden in Euro in absehbarer Zeit nicht bedienen können. "Es macht für die Gläubiger unter diesem Gesichtspunkt keinen Unterschied, ob Griechenland im Euro verbleibt oder nicht."

So oder so würde Griechenland nun den Weg in die Staatsinsolvenz gehen. "Hier dürfen wir uns als Europäer nicht verabschieden. Die Griechen werden erheblich darunter leiden. Gesundheits- und Sozialsystem werden zusammenbrechen, mitten in Europa werden Menschen wieder bittere Armut erleben. Hier wird kurzfristige Nothilfe gefragt sein, denn auch bei einem Grexit müssen wir europäische Solidarität beweisen", so Kemmerich. Er hofft darauf, dass die Griechen über kurz oder lang erkennen, dass nur durch ambitionierte Reformen zur Verbesserung der Standortqualität wieder Kapital ins Land fließen und sich die Wirtschaft erholen wird: "Es existiert quasi keine produzierende Industrie und der Dienstleistungssektor ist nicht produktiv genug. Nur durch Investitionen von außen kann wieder Wirtschaftswachstum entstehen. Investoren gehen aber nur dorthin, wo sie die richtigen Rahmenbedingungen vorfinden - eine effiziente Verwaltung, wenig Bürokratie, Rechtssicherheit und flexible Arbeitsmärkte."

Der Wirtschaftsexperte ergänzt aber: "Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass wir Griechenland dabei helfen müssen, wenn sie den Reformweg endlich einschlagen. Ein Schuldenschnitt darf kein Tabu darstellen - als Gegenleistung für ernstzunehmende Reformschritte. Hier muss sich auch die Bundesregierung ehrlich machen." Das gehöre ebenso zur Wahrheit wie der Fakt, dass Griechenland selbst bei ambitionierter Reformpolitik noch viele Jahre brauchen wird, bevor es wirtschaftlich wieder bergauf geht.