Gesundheitspolitik

1. Herr Koppe, wann waren Sie zuletzt beim Arzt?

Vor ca. zwei Wochen, nachdem ich mir bei einem Benefiz-Fußballspiel eine Rippe gebrochen hatte.

2. Sie sind als Abgeordneter privat versichert und hatten schnell einen Termin, oder?

Es ging schnell. Ich hatte aber auch ziemlich starke Schmerzen.

3. Viele gesetzlich Versicherte müssen hingegen lange, teils Monate auf einen Arzttermin warten. Eine Zweiklassen-Medizin?

Nein, die grundsätzliche Versorgung in Deutschland ist für alle Patienten noch gut, auch im internationalen Vergleich. Aber man muss das Gefühl von Kassenpatienten, zu lange auf einen Termin warten zu müssen, sehr ernst nehmen. Und die absehbare Verschlechterung der Versorgungssituation sowieso. Die Menschen bewerten die Qualität der ärztlichen Versorgung auch danach: Gibt es vor Ort einen guten Arzt? Und wann bekomme ich einen Termin? Das ist für die Menschen, auch und vor allem im ländlich geprägten Freistaat Thüringen ein wichtiger Punkt. Deshalb haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir diesem Problem nachhaltig begegnen können.

4. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation besonders im ländlichen Raum ein?

Thüringen als Flächenland hat besonders unter dem zunehmenden Ärztemangel zu leiden. Besonders im ländlichen Raum ist der Ärztemangel kein Schreckensszenario, sondern heute bereits Tatsache im Freistaat.
Die täglich erlebte Realität der Patienten und der im Gesundheitswesen Tätigen besteht aus langen Wartezeiten auf Facharzttermine, weiten Anfahrtswegen, hoher Arbeitsbelastung der Ärzteschaft und einem hohen Durchschnittsalter der praktizierenden Ärzte. In Einzelfällen prakti-zieren Ärzte noch mit über 70 Jahren, weil ein Nachfolger fehlt und anderweitig die Versorgung nicht gesichert werden kann. Dieser Zustand konnte bis zum heutigen Tag auch nicht mit den bereits vielfältig bestehenden Maßnahmen grundlegend geändert werden und ist meiner Sicht weitestgehend wirkungslos.

5. Erwarten Sie, dass sich die Situation in Zukunft noch verschärfen wird?

Ein klares Ja. Der Ärztemangel wird sich im Laufe der nächsten zehn Jahre noch erheblich verschärfen. Das Missverhältnis von Bedarf und Nachwuchsgewinnung wird gerade in ländlichen Räumen schwerwiegende Folgen für die medizinische Versorgung der Bevölkerung haben. Dies geht u.a. auch aus der am 05.05.2010 in Berlin vorgestellten Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland hervor. In Thüringen werden im Jahr 2025 mehr Hausärzte benötigt, als im Jahr 2007 in Thüringen in Summe tätig waren. Die Politik muss lösungsorientierte Modelle erarbeiten, die die Versorgung der Bevölkerung in ländlichen Lebensräumen auch in Zukunft sicherzustellen und die Arbeitsbedingungen für Ärzte attraktiv gestalten und nachhaltig verbessern.

6. Sie schlagen als FDP einen "Landesärztedienst" vor, wie funktioniert dieser?

Der Landesärztedienst Thüringen wird als Landesbetrieb organisiert. In diesem sind Mediziner als "Beamte auf Zeit im medizinischen Dienst" (BaZmedD) tätig, um die hausärztliche Grundversorgung in Thüringen auch in Zukunft sicherzustellen. Denn als zeitlich befristete Beamte im Landesdienst, können diese durch den Dienstherr überall dort eingesetzt werden, wo die Versorgung der Bevölkerung akut gefährdet ist. Die BaZmedD sollen aber möglichst schon vor ihrem Studienbeginn im "Landesärztedienst" verpflichtet werden und in Thüringen ein Studium aufnehmen. Besonders attraktiv ist natürlich, das vom ersten Tag der Verpflichtung an - egal ob Medizinstudent oder fertiger Arzt - die BaZmedD, einen nach ihrer Qualifikation gestaffelte Bezüge erhalten. Also dass der Student vor dem bestehen des Physikum geringere Bezüge erhält, als derjenige, der das Studium bereits erfolgreich beendet hat. Den Bedarf für den "Landesärztedienst", wird durch den erweiterten Landesausschuss festgelegt. In diesem sind die KV, die Kassen und Vertreter des TMSFG entsendet. Hier stehen also zwei nichtstaatliche Akteure einem staatlichen gegenüber. So soll verhindert werden, dass der "Landesärztedienst" über seine originären Aufgaben der Absicherung der medizinischen Grundversorgung hinaus tätig wird und den niedergelassenen Ärzten unerlaubt Konkurrenz macht.

Welche Vorteile hätte dieser "Landesärztedienst" gegen über anderen Lösungsmodellen wie Stipendien?

Im Gegensatz zu den bestehenden Stipendienmodellen, die durch unzureichende finanzielle Anreize keine Attraktivität schaffen, durch Mitnahmeeffekte die Gefahr von Fehlförderungen bergen sowie eine ungeklärte Rechtssicherheit der Rückzahlungsverpflichtung beinhalten, ist unser Modell effizient, verantwortlich und ausgewogen, behält also sowohl die Interessen der Leistungserbringer als auch die der Leistungsempfänger im Blick.

7. Ist das Modell ein Einstieg in eine Staatsmedizin?

Eindeutig nein. Wir stellen mit unserer Konzeption sicher, dass dort wo Versorgungslücken nicht anderweitig geschlossen werden konnten, eine medizinische Grundversorgung gewährleistet wird. Im Übrigen wird damit sichergestellt, dass Ärzte im staatlichen Landesdienst lediglich die absolute Grundversorgung in unterversorgten Gebieten gewährleisten und nicht zu einem konkurrierenden Element gegenüber niedergelassenen Ärzten werden. Zudem soll so ein Ausweiten der staatlichen medizinischen Sicherungsleistung über die Nothilfe in unterversorgten Gebieten hinaus ausgeschlossen werden.

8. Wie wollen Sie das Modell bei den klammen Kassen finanzieren?

Die finanzielle Belastung muss selbstverständlich durch Einsparungen aufgefangen werden. Ich erinnere nur an unsere 517 Sparvorschläge zur letzten Haushaltberatung, insbesondere zum Landeserziehungsgeld und zum Arbeitsmarktprogramm.