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Presseveröffentlichungen


Gesundheitspolitik

Streitfrage Ärztemangel

14.01.2010 Leipziger Volkszeitung

FDP und Kassenärztliche Vereinigung schlagen Alarm - Ministerium sieht keine Unterversorgung
Erfurt. Ein politischer Dauerbrenner rückt wieder in den Fokus: Der Ärztemangel in Thüringen gibt Anlass zur Sorge, moniert die FDP und schaut in Richtung Gesundheitsministerium. Von dort ist zu hören: Eine konkrete Unterversorgung gibt es noch nicht. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.
von ines hofmann
Die FDP-Fraktion warnt vor einem Ärztemangel besonders in den ländlichen Regionen des Freistaats. "Es gibt unverändert Anlass zur Sorge", gibt der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion, Marian Koppe, bekannt. Die Lösungsversuche der Gesundheitsministerin, etwa in Form von Stipendien, seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Doch das Ministerium gibt Entwarnung: "Eine konkrete Unterversorgung gibt es noch nicht", sagt Ministeriumssprecher Thomas Schulz. "Die Kritik der FDP weisen wir als unberechtigt und unrichtig zurück. Die Rahmenbedingungen sind gut."
Ein Gutachten der Kassenärztlichen Vereinigung zeigt das Gegenteil: Mehr als 200 Arztpraxen werden bis 2020 unbesetzt sein. Gerade in ländlichen Regionen kommt es zu sinkenden Bevölkerungszahlen bei stark steigendem Anteil an über 60-Jährigen. Die Abwanderung junger Menschen beschleunigt diesen Prozess. Mit dem Alter der Menschen nimmt auch der Versorgungsbedarf zu. Dabei fehlt es sowohl an Allgemeinmedizinern als auch an Krankenhaus- und Fachärzten.
Laut Studie gab es 2006 in Altenburg vier Kinderärzte und zwei Urologen. 2020 wird es noch einen Kinderarzt und keinen Urologen mehr geben. Der dann bestehenden Nachfrage fehlen damit je vier der beiden Fachärzte. 2020 wird der Bedarf an Hausärzten in ganz Thüringen um zwölf Prozent steigen, die Hälfte aller Mediziner geht bis dahin in Rente.
Schon jetzt fehlen über 100 Hausärzte im Freistaat. In den Krankenhäusern zeigt sich eine Mangel-Spirale. Weil es zu wenige Ärzte gibt, verschlechtern sich die Bedingungen und machen die Thüringer Kliniken unattraktiv für medizinischen Nachwuchs. "Der Ärztemangel und die damit verbundenen Herausforderungen werden steigen", sagt Matthias Zenker, Pressesprecher der Thüringer Kassenärztlichen Vereinigung (KV). "Die weniger werdenden Thüringer werden älter. Allein diese Veränderung erfordert mehr medizinisches Personal."
Es gibt darüber hinaus den "gefühlten Ärztemangel", erklärt Zenker, der durch das Zurücklegen langer Wege bis zum nächsten Facharzt entsteht. Das damit verbundene Bild, es fehle besonders in ländlichen Regionen an medizinischem Personal, sei ein Irrglaube. In der Stadt sind die Wege kürzer, aber auch die Patienten zahlreicher. "Doch die eigentliche Frage lautet doch nicht: Verschlimmert sich der Ärztemangel, sondern: Was ist das richtige Mittel dagegen?", so Zenker.
Mittel hat die KV ausreichend parat. Unterstützt werden etwa Mediziner, die nach dem 65. Lebensjahr weiter arbeiten, die eine Praxis neu gründen oder eine Zweigstelle eröffnen. In Niederlassungsfahrschulen können Ärzte zudem risiko- und investitionslos in einer Praxis angestellt arbeiten, bevor sie diese übernehmen können. Zusammen mit dem Ministerium wurde zudem eine Stiftung gegen den Ärztemangel gegründet. Ein Ärzteaustausch mit Österreich bringt dort überschüssige Jungmediziner zu Ausbildungs- und Lückenfüllzwecken nach Thüringen, in Jena wurde ein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin gegründet.
"Thüringen macht mehr als andere Länder", betont Schulz, der Sprecher des Gesundheitsministeriums. Und dennoch gibt er zu: "Es gibt keinen Königsweg. Wir müssen dran bleiben, haben aber einen begrenzten Handlungsspielraum. Die Eigenverantwortung des Gesundheitswesens wird auch von der FDP verkannt."
Auch Zenker als Vertreter eben dieses Gesundheitswesens stellt fest: "Eine Akutlösung ist nicht möglich." SPD-Gesundheitsministerin Heike Taubert nannte die Gründung der Stiftung gegen Ärztemangel durch Amtsvorgängerin Christine Lieberknecht (CDU) "reine Symbolpolitik". Der Ärztemangel müsse ernster genommen werden. Nun kann sie es besser machen.
Thomas Schulz: Eine konkrete Unterversorgung gibt es noch nicht.
Marian Koppe: Es gibt unverändert Anlass zur Sorge.


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