Gesundheitspolitik

"Was tun wir", fragt der Untertitel der Eröffnungskonferenz zur 18. Thüringer Ärztewoche. Ärztemangel in Thüringen, das heißt: In einer sowohl patienten- als auch ärzteseitig überalterten Region fehlen eklatante 125 Niedergelassene.
Vierzig Prozent aller Hausärzte gehören selbst zur Generation Sechzig plus. Ärztemangel in Thüringen, das heißt auch: In vielen Kliniken gibt es weniger Ärzte als nötig und deren Arbeitsbelastung steigt schmerzhaft. Die Landeskrankenhausgesellschaft spricht von 250 unbesetzten Arztstellen in Thüringer Krankenhäusern.
Was also tun? fragt das vierköpfige Referentengespann, beginnend mit der Eröffnung durch Tagungspräsident Prof. em. Günter Stein. Im stationären Bereich, sagt Landesärztekammer-Präsident Dr. Mathias Wesser, selbst Oberarzt in der Kardiologie am Suhler Klinikum, sei das Anheuern ausländischer Ärzte allen voran jener 57 Österreicher Gegenmaßnahme Nummer eins. So zu sagen Erste Hilfe. Als eine der wichtigsten Maßnahmen nannte Wesser die Blockweiterbildung Allgemeinmedizin, an der 13 Thüringer Kliniken teilnehmen, sowie die Arbeit an der Einrichtung einer Koordinierungsstelle für Allgemeinmedizin.
Dass die Rekrutierung ausländischer Ärzte langfristig Erfolg bringe, das bezweifelt die Meiniger Hausärztin und erste Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Regina Feldmann. Es sei fraglich, ob die austriakischen Jungmediziner nach absolvierter Facharztausbildung überhaupt in Thüringen blieben. Vielmehr sei es doch so, dass unsere Ärzte verstärkt ins Ausland abwanderten. Ich denke, immer nur ausländische Ärzte zu werben, ist nicht die Lösung.
Vielmehr müsse gefragt werden, warum selbst ausgebildete Ärzte inzwischen so wenig Spaß an der Ausübung ihres Berufes hätten. Die Zahlen, mit denen Feldmann aufwartet, sind in der Tat alarmierend: Vierzig Prozent der ausgebildeten Mediziner in Deutschland gehen nicht in den so genannten kurativen Bereich. Sie arbeiten also weder in Kliniken, noch eröffnen sie Praxen. Stattdessen suchen sie sich lukrativere oder weniger anstrengende Jobs, etwa in der Pharmaindustrie oder beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Feldmann verweist auf eine eklatante Zuspitzung des Ärztemangels bis 2020, und eine damit verbundene Minderversorgung, vor allem auch an Augenärzten, Neurologen und Orthopäden.
Ebenso wie die KV Thüringen habe auch der Verband der Leitenden Krankenhausärzte große Sorgen, dass die Qualität der medizinischen Betreuung Schaden nehmen könnte, sagte Verbands-Vorsitzender Prof. Dr. Reinhard Fünfstück. Der Ärztliche Direktor des Weimarer Sophien- und Hufelandklinikums weist auf zahlreiche Gespräche in diesem Zusammenhang mit dem Thüringer Gesundheitsministerium hin. Fünfstück moniert die offensichtliche Gleichgültigkeit verantwortlicher Politiker für Phänomene wie die Desillusionierung junger Mediziner in den ersten Arbeitsjahren.
Aus den Reihen der Thüringer Opposition gibt es erwartungsgemäß unterschiedliche Auffassungen darüber, wie dem Ärztemangel beizukommen sei. Der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Marian Koppe, hatte unlängst die Bildung einer Task Force Ärztemangel gefordert. Peinlich findet er es, dass die Landesregierung mit großem Pomp ein Stipendiensystem mit nur zehn Vergabeplätzen vorstelle.
Grünen-Fraktionsvorsitzende Anja Siegesmund findet hingegen eine Task Force überflüssig. Ihrer Meinung nach sind die Gründe für den Attraktivitätsverlust des Arztberufes längst bekannt. Es seien dies familienfeindliche Arbeitsbedingungen wie lange Dienstzeiten und hohe Stressbelastung.


17.04.2010 OTZ - Ostthüringer Zeitung