Gesundheitspolitik


Von Thomas Schmelzer

In dem kleinen Fläschchen schimmert rötliche
Flüssigkeit. «Dentosafe» steht auf dem Etikett. «Zahn rein, zuschrauben und ab damit zum Zahnarzt», sagt Angela Marr im Sekretariat der Erfurter Barfüßerschule. In den vergangenen Jahren musste die Sekretärin schon mehrfach so handeln. Nach Unfällen oder Stürzen rettete sie die abgebrochenen Zähne der Schüler. «Die Boxen funktionieren wunderbar», sagt Marr. Bis zu 48 Stunden können die Zähne mit ihrer Hilfe konserviert werden. Was an der Erfurter Grundschule seit Jahren funktioniert, soll in den nächsten Wochen in ganz Thüringen anlaufen.

Seit Sommer wird über die Versorgung der Schulen mit den sogenannten Zahnrettungsboxen diskutiert. Nach einem Antrag der FDP-Landtagsfraktion hatte Gesundheitsministerin Heike Taubert (SPD)
die Kostenübernahme im August zunächst abgelehnt. Daraufhin organisierten die Antragsteller auf eigene Faust 500 Boxen. Gleichzeitig stellte die Innungskrankenkasse (IKK) Classic 800 Behälter zur Verfügung. Nach einem Vorstoß der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Jugendzahnpflege Thüringen zeichnet sich jetzt eine Gesamtlösung ab. Damit könnten Anfang 2011 alle Schulen, Kitas und Schwimmbäder mit den SOS-Boxen versorgt sein. Zwtl: Versorgung von Schulen, Kitas und Schwimmbädern gesichert «Thüringen müsste abgesichert sein», sagt LAG-Geschäftsführerin Brigitte Kozlik. Sie hat die Verhandlungen über die Rettungsboxen seit Sommer verfolgt. Weil die privaten Initiativen die rund 1.000 Schulen versorgen, könne sich die LAG nun um die Kitas kümmern. Dort soll den älteren Kindern geholfen werden, die schon ihre Milchzähne verloren haben. Auch Kozlik sieht Handlungsbedarf. Zuletzt seien die Schulen 2007 mit Rettungsbehältern versorgt worden. «Die Haltbarkeit der Nährlösung läuft aber nach drei Jahren ab.» Außerdem können die Boxen nur einmal verwendet werden. Um den eigenen Bedarf zu decken, musste die Barfüßerschule in Erfurt deswegen auf den Finanztopf des Fördervereins zurückgreifen. «Zum Glück gibt es seit kurzem eine günstige Alternative zu der Fertiglösung», sagt Sekretärin Marr und zeigt auf eine kleine Plastiktüte. In dem neuen System muss der Behälter vor dem Gebrauch erst mit der Lösung präpariert werden. Dafür ist diese Methode deutlich billiger. Zwtl: FDP fordert Kontinuität Diese Kosten seien im Vergleich zu einem Zahnimplantat lächerlich, sagt der FDP-Gesundheitspolitiker Marian Koppe. Er hatte den Antrag im Landtag eingebracht und danach die private Initiative angeschoben. "Wenn der Zahn nicht gerettet wird, kann das die Gesellschaft schnell bis zu 10.000 Euro kosten», rechnet er vor. Das Prozedere im Landtag habe ihm zu lange gedauert. «Ich wollte nicht, dass mir der Antrag zerredet wird.» Auf der Grundlage des Ergebnisses seiner Spendenaktion will Koppe nun weitermachen. Für
das nächste Jahr sind 500 weitere Rettungsboxen für Berufsschulen geplant. «Für den Nachschub müssen aber die Unfallkassen sorgen», fordert Koppe. In anderen Bundesländern sei das bereits so geregelt. Den Schülern der Barfüßerschule ist es egal, von wem die Boxen kommen. Während am Pausenhof die Kinder toben, geht Angela Marr zielstrebig auf eine Treppenstufe zu. «Im Gerangel nach der Pause ist hier ein Kind auf die Kante gefallen», sagt sie. Mit Hilfe der Zahnbox konnten die Betreuer den abgebrochenen Schneidezahn jedoch retten. Zurzeit seien sie gut ausgestattet, sagt Marr. In der Vergaberunde hat die Schule zwei Boxen bekommen. Nach einer Viertelstunde ist die Pause vorbei und der Gong tönt über den Hof.
Alle Schüler sprinten Richtung Treppenstufe, keiner fällt. «Es sind ja zum Glück auch nur Einzelfälle», sagt Marr.



18.11.2010 ddp - Thüringen