Gesundheitspolitik

Sozialdemokraten wollen Ärztemangel in Kliniken auffangen - Liberale nennen Pläne unausgegoren


Versorgungslücken durch fehlende Ärzte auf dem Land könnten nach Ansicht der SPD mithilfe von Krankenhäusern geschlossen werden. In den Kliniken ließen sich Eingriffe vornehmen, für die nicht genügend niedergelassene Fachärzte zur Verfügung stünden, sagte SPD-Gesundheitsexperte Thomas Hartung am Mittwoch in Erfurt. Die FDP kritisierte den Vorschlag als unausgegoren. Grundlegende Veränderungen am erfolgreichen deutschen Gesundheitswesen seien Experiment "auf Kosten der Systemstabilität".

Hartung wies darauf hin, dass der drohende Ärztemangel in Thüringen noch nicht spürbar sei, weshalb genügend Zeit für eine Reform des Gesundheitswesens bleibe. "Eine grundsätzliche Versorgung ist für jeden kranken Menschen gesichert", betonte der Landtagsabgeordnete. Problematisch sei aber die Einschränkung der Behandlungszeiten durch kostendämpfende Vorgaben der Krankenkassen. Dadurch stehe nur ein eng begrenztes Zeit- und Kostenbudget pro Patient zur Verfügung, was angesichts schließender Praxen in ländlichen Regionen unnötige Engpässe schaffe.

Der FDP-Gesundheitsexperte Marian Koppe bezeichnete es als "erstaunlich, dass sich die SPD von Gesetzen verabschiedet, die sie in elf Jahren Regierungszeit geschaffen hat". Die geschmähte Budgetierung sei immerhin unter Rot-Grün eingeführt worden. Koppe zufolge hat sich der Mix aus ambulanter und stationärer Behandlung sowie die Kompetenztrennung zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken als Erfolgsrezept des deutschen Gesundheitssystems bewährt. "Wer nach der Ausweitung der Betätigungsfelder der Krankenhäuser schreit, muss auch sagen, wie er die Zusatzkosten bestreiten will."

Hartung zufolge wird der Altersdurchschnitt in Thüringen binnen der nächsten 20 Jahre voraussichtlich "von Mitte 40 auf 56 Jahre ansteigen". Dadurch werde der Bedarf an Frauen- und Kinderärzten sinken, während mehr Internisten, Orthopäden, Urologen und Augenärzte benötigt würden. Diesen veränderten Bedürfnissen müsse auch bei der Ausbildung von Ärzten Rechnung getragen werden. Koppe entgegnete, dass nur derjenige ein guter Arzt werden könne, der es auch von ganzem Herzen wolle. Einen angehenden Kinderarzt könne niemand aus Zwang zum Orthopäden machen.

Darüber hinaus sprach sich Hartung für eine Bürgerversicherung aus und forderte, die Krankenkassenbeiträge wieder paritätisch zwischen Arbeitnehmern und -gebern aufzuteilen. Außerdem sollten private Krankenversicherungen auf lange Sicht abgeschafft und ihre gesetzlichen Pendants gestärkt werden. Koppe indes lehnt auch diesen Vorschlag als staatlich reglementierten Eingriff ins Gesundheitswesen ab, dessen Folgen "wir noch gut aus der DDR-Zeit in Erinnerung haben".
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27.04.2011 www.b2b-deutschland.de