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Landesspiegel

Erfurt/Weimar. (tlz) Als die Mauer fällt und die Thüringer kilometerlang im
Stau gen Westen stehen vor der Grenze in Herleshausen, fährt er in die
Gegenrichtung: Thomas L. Kemmerich. Der jetzige FDP-Landtagsabgeordnete ist
damals Mitte 20, hat sein erstes juristisches Examen in der Tasche und ein
Visum zum Besuch in Weimar und Erfurt vom 8. bis 15. November 1989.
Inzwischen ist er verheiratet mit einer Thüringerin. Er hat sechs Kinder.
Er ist Chef eines Unternehmens. Und Politiker. "Thüringen hat mir privat
Glück gebracht", sagt er. Beruflich gilt das wohl auch - und der Verweis auf
das Glück schmälert nicht das Können, der nötig war und ist, um alle
Aufgaben zu bewältigen. Die Wende hat Kemmerichs ganzen Lebensplan vom Kopf
auf die Füße gestellt und Thüringen ist ihm, dem gebürtigen Aachener, eine
neue Heimat geworden.
10. November 1989: Es ist dies bereits Kemmerichs zweite Einreise in die DDR
innerhalb weniger Monate. Im Juni war er erstmals hier, auf Einladung der
Verwandten seines Kommilitonen Frank Löffler. Dieser ist sechs Jahr älter
als Kemmerich und hat die DDR Anfang der 1980er Jahre verlassen dürfen.
Kennengelernt haben sie sich beim gemeinsamen Jura-Studium. Als im April
1989 Besuch aus dem Osten zu Löffler kommt, ist Kemmerich interessiert an
dem, was er hört. Und nach seinen ersten zehn Tagen im Juni ist er
fasziniert: Weimar, Erfurt, Dresden lernt er kennen - da tut sich dem jungen
Mann, der zuvor nur einmal in Ost-Berlin war und selbst keine Verwandten in
der DDR hatte - eine ganz neue Welt auf. Und er spürt, dass in dieser Welt
eine Veränderung vor sich geht. Nur dass so schnell die Mauer fallen würde,
hat er - wie all die anderen - damals nicht gedacht.
In der Nacht zum 10. November schaltet er abends um halb zwölf den Fernseher
in Bonn ein, sieht die Menschen auf der Mauer tanzen - und macht sich gleich
auf den Weg. Morgens um halb sieben ist er in Herleshausen - und erlebt dann
in Erfurt und Weimar bei seinen Bekannten die große Freude über dieses
weltbewegende Ereignis. Wenn er heute an diese Stimmung damals denkt, "dann
bekomme ich sofort eine Gänsehaut", sagt der Mittvierziger.
Heute ist mit Blick auf den Mauerfall vor allem von der großen Erleichterung
die Rede. Zusammengefasst in Wort des Herbstes 1989: Wahnsinn! Doch nicht
alle haben sich gefreut, erinnert Kemmerich sich an einen alten Mann, den er
bei einer Bekannten, die er zu Hause in Erfurt besuchte, vor dem
Fernsehgerät sitzen sah. Der Mann weinte. Aber nicht vor Glück. "Für den war
eine Welt zusammengebrochen", sagt Kemmerich.


Vortrag über soziale Marktwirtschaft öffnet viele Türen
Es waren aufregende Tage. Die Zeit bis zum 15. November verging viel zu
schnell. Dann musste er zurück. Sein Visum war abgelaufen. Doch schon bald
kehrte er zurück: "Am 24. Dezember 1989 wurde die Visumpflicht aufgehoben",
weiß er noch ganz genau. Kemmerich nutzte die Zeit: Seit Mai 1989 hatte sein
erstes Jura-Examen in der Tasche, eine Referendarstelle sollte er erst im
Frühjahr 1990 erhalten. Silvester 1989 feierte er in Erfurt. Fünf, sechs
seiner Freunde aus Bonn und Aachen waren mit angereist. Kemmerich wurde von
Vertretern des Demokratischen Aufbruch (DA) angesprochen, ob er nicht über
die soziale Marktwirtschaft Auskunft geben könne. Warum nicht. Kemmerich
steht also "am 8. Januar 1990 vor 300 Leuten" im heutigen Johannes-Lang-Haus
in der Meister-Eckardt-Straße in Erfurt. Damals war es das Haus der
Deutsch-Sowjetischen Freundschaft (DSF). "Ich habe Schulwissen erzählt",
sagt er rückblickend. Wobei: Kemmerich wusste durchaus mehr als ein
Durchschnittschüler, denn er hatte nicht eine Kaufmannslehre absolviert und
auch einige Semester Betriebswirtschaftslehre studiert. So war er auch
gerüstet für das, was mit einer einfachen Frage eines Kombinatsabgesandten
begann: Der wollte den Betrieb von Löffler und Kemmerich in Fragen der
Marktwirtschaft beraten lassen. Warum nicht? Wenn sie uns ein Büro, ein
Telefon und möglichst auch eine Sekretärin stellen... Forderungen, die
leicht zu erfüllen waren. Und so nahm Mitte Januar 1990 jene
Unternehmungsberatung ihren Betrieb auf, die als KL Consulting bis Ende 1993
in Erfurt existierte.
Das Beratungsgeschäft ließ sich gut an. Als Kemmerich im Frühjahr dann
planmäßig seine Referendarsstelle antreten sollte, war es nur noch eine
Frage der Zeit und der Einsicht, ehe er sich vom Juristendasein
verabschiedete. Er ließ sich beurlauben, dann unterbrach er den Weg. Und hat
ihn nicht wieder aufgenommen. Beratungsbedarf gab es damals in heute kaum
mehr vorstellbarem Ausmaß. "Die Handwerkskammern kamen auf uns zu", erzählt
Kemmerich. Es ging um die Zukunft der PGH, der Produktionsgenossenschaften
des Handwerks. Und bereits 1992 wurde Kemmerich Geschäftsführer des Erfurter
Betriebsteils des Dienstleistungskombinats Friseur und Kosmetik. Acht
Geschäfte umfasste das zu privatisierende Unternehmen. In Weimar war er an
einer PGH beteiligt. Über L'Oreal in Paris kam er durch einen dortigen
Quereinsteiger zum nötigen Wissen. "So entstand die Geschäftsidee Masson",
sagt Kemmerich. Masson, das sind 52 Friseurgeschäfte mit 300 Beschäftigten.
In Thüringen sind 40 Läden, in Berlin sechs, in Sachsen und Sachsen-Anhalt,
in Dortmund, Bochum und Göttingen kennt man Masson. Kemmerich ist
Vorstandsvorsitzender. Und er bleibt das auch, trotz Landtagsmandat, das er
seit Ende August 2009 inne hat.


Mit einer Thüringerin glücklich
Geld oder Liebe? Die Frage stellt sich bei Thomas L. Kemmerich nicht. Er hat
sich in einer Bank in der Weimarer Schillerstraße im Sommer 1995 in seine
später Frau Ute verliebt. Im Sommer 1996 wurde geheiratet, 1997 kam das
erste Kind. In der Zwischenzeit sind es sechs Kinder zwischen zwölf und fast
zwei. Vier Jungs, zwei Mädchen. Und alle sind in die Krippe gegangen.
Kemmerich kannte das nicht aus seiner eigenen Kindheit. Seine Frau aber
überzeugte ihn: Besser sei es für den Erstgeborenen, wenn er mit anderen
Kindern spiele statt den ganzen Tag alleine mit der Mutter zu verbringen.
Und Kemmerich erinnert sich noch ganz genau daran, dass das Kind tatsächlich
gleich von diesem Beisammensein mit anderen Kinder profitierte. Damals
allerdings sei es gar nicht so einfach gewesen, einen Betreuungsplatz zu
erhalten. Zweieinhalb war der Älteste damals, der Jüngste war gerade mal ein
Jahr alt, als er in die Krippe kam. Und Kemmerich sagt mit einem Lächeln,
dass er und seine Frau sich dann schon mal von der West-Verwandtschaft
anhören müssen, Unmenschen zu sein. Auch heute noch. Hat eben nicht jeder
seine Erfahrungen machen dürfen. Und auch nicht machen wollen. Kemmerich
kennt auch in seinem einst näheren Umfeld einige, die noch nie in den neuen
Ländern waren. Und er weiß von denen zu berichten, die erst jetzt kommen und
dann die Schönheit von Erfurt oder Weimar vor allem unter dem Aspekt loben,
dass dies mit ihrem Geld aufgebaut worden sei. Ein vergiftetes Lob.
Kemmerich, der Liberale, zitiert in solchen Fällen gerne Helmut Kohl (CDU),
den Kanzler der Einheit. Viele seien vom Mantel der Geschichte gestreift
worden, aber nur wenige hätten ihn ergriffen...
Thomas L. Kemmerich hat sich 1989/90 auf etwas ganz Neues eingelassen.
Eigentlich wollte er sich als Jurist Richtung Brüssel orientieren.
Wirtschaft war schon damals sein Thema. Mit mehreren Sprachen wollte er auf
EU-Ebene punkten. Es sollte ganz anderes kommen. Der junge
Unternehmensberater hatte in seinem ersten halben Jahr in Thüringen eine
provisorische Schlafstatt im Kinderzimmer von Bekannten. Und er erinnert
sich noch gut an die Eiseskälte in seinem ersten Winter in Thüringen. Und an
den Braunkohledreck, der aus den Schornsteinen quoll. "Mittags schon waren
die weißen Hemdkragen schwarz. Und wenn ich am Freitag Richtung Westen fuhr,
waren meine Augen gerötet", erinnert er sich daran, wie schlimm seinerzeit
die Umweltschäden waren. Wenn er das heute seinen Kindern erzählt, dann sind
das Geschichten aus einer ganz fernen Zeit...

21.12.2009 Gerlinde Sommer, TLZ